Wir sind das Volk.

Zwei aus dem Volk sagen ihre Meinung.

Ist es wirklich ein Generationsproblem?

with 14 comments

In den letzten Tagen las ich immer wieder vom “Verlust einer ganzen Generation” und dem “Generationsproblem”. Aber ist das richtig? Ist es wirklich ein Generationsproblem? Ist das offensichtliche Unverständnis der Politiker für das Internet – welches sie mit der aktuellen Gesetzesvorlage zur Sperrung von Kinderpornoseiten so deutlich gezeigt haben – wirklich darauf zurückzuführen, dass sie einfach den Anschluss an die kommenden Generationen verloren haben?

Ich denke, es ist vielmehr ein Problem der Bereitschaft, sich auf neue Technologien und die damit einhergehenden, gesellschaftlichen Veränderungen einzulassen! Die allermeisten Politiker haben bis heute nicht den Hauch einer Ahnung, dass das Internet eine Revolution bedeutet, die vermutlich mit der Erfindung des Buchdruckes mithalten kann. Und nicht nur die Politiker sind davon betroffen – ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung hält das Netz im besten Fall für eine ganz nützliche Spielerei.

Auf der anderen Seite stehen Menschen, die das Internet bereits als einen wichtigen Teil ihrer Kommunikations-Infrastruktur in ihr Leben integriert haben. In manchen Bereichen sogar als den wichtigsten Teil. Aufgrund der Flexibilität und Offenheit für neue Techniken, und nicht zuletzt aus dem Bedürfnis heraus, neue Plätze zu besetzen, in denen die Strukturen der “Alten” nicht vorherrschen, stellt die jüngere Generation natürlich einen großen Teil der “Netzbewohner”. Aber sie sind nicht allein! Eine immer größer werdende Gruppe der älteren Generation beginnt ebenfalls, das Netz für sich zu entdecken. Es kostet nur wenige Klicks und ein paar gezielte Suchworte, und Google überschüttet einen geradezu mit Diensten, Services und Angeboten für ältere Menschen.

Meine Mutter, die in wenigen Tagen 71 Jahre alt wird, verfolgt die derzeitige Diskussion um Internetsperren und Kinderpornografie mit Twitter. Sie liest Blogs, gehört einer Community für ältere Menschen an, schreibt eMails, benutzt Skype und freut sich über die vielen neuen Möglichkeiten, die ihr das Internet bietet. Natürlich schimpft sie auch so manches Mal – meistens über sich selbst, weil es ihr natürlich nicht mehr so leicht fällt, mit der ganzen, neuen Technik klar zu kommen (bitte entschuldige meine Indiskretion, Mama :-)). Meine Mutter ist aber glücklicherweise kein Einzelfall, der Anteil der Internetbenutzer im Rentenalter nimmt stetig zu.

Es ist in meinen Augen kein Generationsproblem, es ist das Problem von Menschen, die sich vor dem technischen und damit einhergehenden gesellschaftlichen Fortschritt verschließen. Die gern alles so lassen möchten, wie es war – schließlich war doch alles soo gut geregelt.

Während einige – und das trifft sicher oft auf Jugendliche zu – die Veränderungen begrüßen und es kaum abwarten können, verursachen die  unkontrollierbaren Veränderungen bei vielen anderen Menschen Angst. Auf diese Angst reagieren die Menschen ganz unterschiedlich. Einige versuchen es mit totaler Kontrolle, andere mit totaler Ignoranz oder der Hoffnung, dass die Veränderung noch wartet, bis sie nicht mehr davon betroffen sind. Wieder andere stellen sich ihrer Angst – und den Veränderungen.

Leider gehören die meisten Spitzenpolitiker derzeit nicht zu den Menschen, die bereit sind, sich auf die technischen und damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen einzulassen. Es wäre geradezu fantastisch, wenn ein Spitzenpolitiker den Mut haben würde, sich ohne lange Ankündigung an einem ganz normalen Abend einfach mal im Twitter den Diskussionen zu stellen. Oder vielleicht sich selbst die Mühe machen würde, in den vielen hervorragenden, politisch engagierten Blogs eigene Kommentare zu hinterlassen. Vielleicht sogar ein persönliches Blog zu schreiben und selbst – ohne Ghostwriter und Assistenten – auf die Fragen der Menschen ehrlich und glaubwürdig zu antworten. Ein bisschen mehr als die übliche “Image-Webseite” sollte doch wohl möglich sein.

Unsere Politik wird beherrscht von Menschen, die sich das Internet ausdrucken lassen, die das Sperren von Webseiten für eine gute Idee halten, die mit immer ausufernden Überwachungsmechanismen versuchen, die Veränderungen zu kontrollieren, die auf Kritik mit populistischen Aussagen und polemischen Angriffen auf die Kritiker reagieren und die überhaupt nicht bereit sind, sich den technischen und damit einher gehenden, gesellschaftlichen Veränderungen zu stellen.

Und das ist kein Generationsproblem.

Wir sind das Volk – es liegt an uns, ob wir uns auf diese Weise regieren lassen wollen, oder ob wir einen Wandel einleiten. Ob wir die gesellschaftliche Kluft zwischen den “Netzbewohnern” und “denen da draußen” wachsen lassen, oder uns geduldig, sachlich und überzeugend dafür einsetzen, das unsere ganze Gesellschaft den Wandel ins Informationszeitalter vollzieht.

Sogar die ausgesprochen sturen und uneinsichtigen Politiker, die derzeit unsere Regierung bilden.

Ich freue mich auf hoffentlich viele Kommentare und eine rege Diskussion!

Update:
Hier eine traurig stimmende Quelle, die meine These bestätigt:
sueddeutsche.de: Wer hats gesagt – Die Auflösung

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Written by mjuenemann

12. Mai 2009 at 03:30

14 Antworten

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  1. Das sage ich seit Tagen. :-)

    Erkennt man ja z.B. gerade an Guttenberg, der mit Jahrgang 1971 eigentlich schon zu der Generation gehören könnte, die mit Computern aufgewachsen sind; gerade Jungs standen Mitte der 80er Jahre in den Kaufhäusern an den C64ern und den Schneider-CPCs und tippten aufgeregt darauf herum (ja, das durfte man damals noch).

    Und dann war da diese unsägliche Nora bei der grünen Bundesdelegiertenkonferenz letztes Wochenende in Berlin, die die Zensursula-Argumentation im gleichen Tonfall wie Mama Zensursula und deren Kollegin Michaela Null, äh, Noll heranzog. Aber es geht doch um die KIIIIIIINDER! Die soll Ende 20 sein, also im gleichen Alter wie Franziska Heine.

    Solche Leute wie Deine Mutter kenne ich auch, noch mit über 80 hat ein Bekannter von mir programmiert, eine andere Dame mit jetzt auch schon über 80 nutzt regelmäßig das Netz und versendet E-Mails. In Twitter erklärte kürzlich jemand, seine 82jährige Oma wolle jetzt auch unbedingt ein Laptop haben, damit sie die Petition zeichnen kann (obwohl das natürlich auch ohne Computer geht).

    Ich glaube, Du hast den richtigen Grund gefunden: Nicht das Alter, sicher auch nicht das Geschlecht, sondern die Bereitschaft, Neues zu akzeptieren, ist das Problem. Und das ist von Alter oder Geschlecht völlig unabhängig.

    Gruß, Frosch

    Sabine Engelhardt

    12. Mai 2009 at 11:45

  2. Nein, es ist kein Generationenproblem. Das Problem ist wieder einmal, dass die non-online Medien es so hinstellen, als ob es ein Generationenproblem wäre.

    Christoph

    12. Mai 2009 at 12:58

  3. Hervorragend auf den Punkt gebracht!

    Meine Eltern, die Zeitung lesen, öffentlich-rechtlichen Rundfunk hören und “anspruchsvollere” Sendungen im Fernsehen schauen, haben (nach einer gewissen Diskussion ;-) begriffen, worum es bei den Websperren wirklich geht. Ich brauche hier ja nicht zu wiederholen, dass das Thema KiPo wg seiner Öffentlichkeitswirkung nur vorgeschoben ist …

    Andere Leute, die bei weitem noch nicht die 70er erreicht haben, verstehen nur Bahnhof, wenn ich ihnen was von Informationsfreiheit, Grundgesetz und Zensur erzähle. Die interessieren sich dann auch meist nicht so für Politik oder ihre Umgebung/Mitmenschen.

    Es ist also kein Generationenproblem, sondern wie Markus J. richtig anmerkt, eine Sache der Offenheit:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Big_Five_(Psychologie)#Offenheit_f.C3.BCr_Erfahrungen

    Offene Personen sind laut dem imo interessanten Wikipedia-Artikel u.a. wissbegierig, experimentierfreudig und intellektuell, das Gegenteil sind dann konventionelle Verhaltensweisen und eine eher konservative Einstellung.

    Das “wissbegierig” lässt für mich einen direkten Rückschluss auf die “Informiertheit” (hat jemand hier einen besseren Begriff?) der Personen zu. Leute, die sich z.B. täglich auf Zeit.de oder SpOn informieren, haben einen viel weiteren Horizont als andere, die höchstens zum Einkaufen oder “Späße auf YouTube schauen” im Web unterwegs sind.

    Ich hoffe, das wird mir nicht als “Arroganz des Akademikers” ausgelegt. Ich kenne z.B. auch viele FacharbeiterInnen, die offen für neue Ideen sind und mit denen man interessante Gespräche führen kann.
    Aufgeschlossenheit muss keine Sache des Schulabschlusses sein, wie wir leider immer wieder am Beispiel von “studierten Betonköpfen” in höheren Positionen erleben müssen …

    Grüße an alle sendet der “besserwissende Computerversteher” ;-)

    computerversteher

    12. Mai 2009 at 19:09

    • “wissbegierig” lässt für mich einen direkten Rückschluss auf die “Informiertheit” (hat jemand hier einen besseren Begriff?)

      evtl: ich würde Interesse anbieten – inter-esse (lat.) heißt wortwörtlich “ich bin dabei” oder “ich bin mittendrin”, übertragen brauch ich das wohl nicht mehr?

      Servus, Adi

      Adi Markl

      15. Juni 2009 at 00:49

      • Hallo Adi,

        du hast recht, “Interesse” trifft es besser.

        Apropos “mittendrin”: Ich finde es sehr spannend, was derzeit im Iran abgeht. Die Leute dort wehren sich wenigstens gegen undemokrat. Strukturen. Ich habe das Gefühl, die Leute in Dtl. hat eine gewisse Gleichgütigkeit erfasst :-(

        Wenn ich z.B. mit UNterschriftenlisten von CAMPACT:

        http://campact.de/

        gg. AKWs ankomme, sagen die meisten, mir doch egal, Politik interessiert mich nicht. Ebenso ist die REaktion bei vielen Freunden und Bekannten, wenn ich sie dazu auffordere, bei Twitter mitzumachen. Dort kann man z.B. täglich bei der Twitterwahl seine Stimme abgeben:

        http://www.twitterwahl.de/

        @all: HF (have fun) voting,

        Grüße vom GreenpeaceFan aka Compiversteher @Twitter ;-)

        computerversteher

        15. Juni 2009 at 07:47

  4. Ich fürchte, es ist was anderes:
    Es ist reine Überwachungssucht der Politik. Guttenberg ist nicht so dämlich, wei es scheint. Der weiss genau wovon er (nicht) spricht. Man beachte die Körpersprache im Interview.
    Das Thema KiPo ist hier genauso vorgeschoben wie bei Bush damals die angeblichen Massenvernichtingswaffen als Alibi für den Irakkrieg.#

    fackus

    12. Mai 2009 at 20:14

  5. @computerversteher: Auch die Frage, ob jemand studiert hat (bzw. studieren konnte/durfte) oder nicht, dürfte maximal eine untergeordnete Rolle spielen. Es gibt strohdumme Akademiker, die nur ihre Theorie auswendig gelernt haben, und auf der anderen Seite echt clevere Hauptschulabgänger oder gar -abbrecher. Sie unterscheiden sich, genau wie Du sagst, durch ihre Offenheit für Neues, nicht durch ihren Schulabschluß und ihre Ausbildung.
    Gruß, Frosch (eher schlechter Realschulabschluß)

    Sabine Engelhardt

    12. Mai 2009 at 21:24

    • @Frosch: Full ack.

      Das wollte ich doch oben sagen, dass es auch intelligente + vernünftige Leute ohne Uni-Abschluss oder Abi gibt. Offenheit ist wichtig, das hast du aj auch betont.

      *Computerversteher neigt wegen seiner Kettensätze usw. leider dazu, sich kompliziert auszudrücken.*

      Die Leute mit höherer Schulbildung neigen afaik leider auch sehr oft zur “Einbildung”, d.h. sie halten sich für was besseres.

      S. unsere Eliten, z.B. die Manager. Das sind BWLer, die kommen an der Uni in eine schlagende Verbindung osä., weil schon die Väter da drin waren. Und dann hilft man sich natürlich gegenseitig, notfalls über die sog. “alten Herren”. Was dieses Inzest-System produziert hat sieht man ja an der aktuellen Wirtschafts- u Finanzkrise.

      Viele Grüße, CVC aka Computerversteher Chris

      computerversteher

      12. Mai 2009 at 23:44

  6. Es herrscht ja fast allgemeiner Konsens hier :-)

    Ich denke nicht, das Bildung ein grundsätzliches Indiz ist für oder gegen die Bereitschaft, neues anzunehmen oder auszuprobieren.
    Gerade die politische Führung besteht größtenteils aus Menschen mit einem hohen Bildungsgrad. Aber offensichtlich hilft es ihnen nicht dabei, die Veränderungen der Welt um sie herum besser zu verstehen.
    Es ist wohl eher so etwas wie “Besitzstand” – niemand gibt gerne auf, was vielleicht sogar mühsam errungen wurde. Veränderungen in der Gesellschaft sind da möglichwerweise “furchtbare Gefahren” für den eigenen Status – also ist es besser, sie zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass sie in die eigenen Vorstellungen passen.

    Ich denke, es ist unser aller Aufgabe, die Politiker auf friedliche Weise davon zu überzeugen, dass die Veränderungen nicht aufzuhalten sind. Und das die Politiker – statt sich zu sträuben und verzweifelt alte Strukturen festzuhalten – viel mehr gewinnen könnten, wenn sie sich auf die Veränderungen, die der stetige technoligische Wandel mit sich bringt, mutig einlassen würden.

    Viele Grüße und Danke allen bisherigen KommentatorInnen für die interessanten Beiträge!
    mj

    mjuenemann

    13. Mai 2009 at 00:11

    • “Besitzstand wahren” trifft es :-)

      “Zum Politiker (+ Journalisten) auf friedliche Weise überzeugen” habe ich “mehr Demokratie wagen!” in meinem Blog geschrieben:

      http://computerversteher.wordpress.com/2009/05/08/mehr-demokratie-wagen/

      Ich hoffe, die Eigenwerbung ist ok, sonst rauslöschen. Und ich bitte darum, das schlechte Layout und die etwas chaotische Argumentationsstruktur zu entschuldigen. Ich blogge aus akt. Anlass erst seit dem 4.5., war an dem Tag was besonderes? ;-)

      Weiter so mit dem tollen Blog, ihr habt wirklich sehr lesenswerte Beiträge!

      CVC

      computerversteher

      13. Mai 2009 at 00:31

  7. […] Wir sind das Volk: Ist es wirklich ein Generationsproblem? […]

  8. […] Spiegel Online: Die Generation C64 schlägt zurück – Kommentar: unbedingt lesen! auch wenn es sich unserer Meinung nach nicht um ein Generationsproblem handelt (siehe “Ist es wirklich ein Generationsproblem?“) […]

  9. […] Spiegel Online: Die Generation C64 schlägt zurück – Kommentar: unbedingt lesen! Auch wenn es sich unserer Meinung nach nicht um ein Generationsproblem handelt (siehe “Ist es wirklich ein Generationsproblem?“) […]

  10. Klasse Artikel,
    bin jetzt 60, mit c64 angefangen dann 8086, usw. seit es Internet gibt dabei.
    Jeder in unserem Haushalt hat einen Rechner und Internetzugang ist selbstverständlich.Über die Sperren
    kann ich nur lachen wenn es nicht so traurig wäre.
    Die Arroganz der Regierenden uns zu sagen, wie wir zu leben haben ist unerträglich oder systematisch um zu testen wie weit sie gehen können.
    Wut!!!

    Ian Cressid

    2. Juni 2009 at 21:31


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